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Geliebte Moralkeule

"Meinesgleichen denkt nur an Geld, ist nicht fröhlich, nicht gemütlich, sondern feig. Ich kann verstehen, wenn sie mich nicht mögen. Ich mag mich ja selbst nicht." Meinesgleichen - das ist Andri, die Hauptfigur im Theaterstück "Andorra" von Max Frisch.

von Ina Retkowitz

 

Das bekannte deutschsprachige Bühnenwerk ist auch heute brandaktuell, behandelt es doch Themen wie Antisemitismus und den Umgang mit Minderheiten. Die Kulturinitiative "ideenrausch" um Macher Sven Dittrich hat sich jetzt an das Stück heran gewagt und in der Grubenausbauwerkstatt Premiere gefeiert.

Dabei entsprang das Projekt einem Jugendtraum Dittrichs: Bereits vor sieben Jahren - da behandelte sein Deutschkurs am Albert-Schweitzer-Gymnasium "Andorra" - nahm er sich vor, Frischs moralische Keule selbst zu inszenieren. "Ich habe das Stück geliebt", sagt Dittrich. Max Frisch werde zwar immer nachgesagt, schwere Kost zu präsentieren, aber eigentlich sei "Andorra" eher simpel.

Angst vor Angriff

Schließlich sei das Theaterstück sehr symbollastig, oft mit Schwarz-Weiß-Malerei. Die Geschichte: Andri ist Jude, der einst von seinem Adoptivvater Can gerettet wurde. So glaubt er zumindest. Er leidet an seiner Außenseiter-Rolle, in die ihn jeder Bewohner Andorras hinein zwingt, nimmt sie aber widerstrebend an. In Andorra regiert derweil die Angst vor einem Angriff durch die schwarzen Nachbarn. Was Andri nicht weiß: Can ist sein leiblicher Vater. Er hatte ein verbotenes Verhältnis mit einer Schwarzen. Beide hatte Angst vor den Folgen und verleugneten das Kind. Als Andri erfährt, dass er kein Jude ist, ist es zu spät. Nicht einmal er selbst glaubt an die Wahrheit und sein eigenes andorranisches Volk verurteilt ihn als Mörder an seiner Mutter.

Laut Dittrich hat "Andorra" Modellcharakter: Wie geht eine Gesellschaft mit sich selbst um? "Wir sehen Menschen, ordnen sie in eine Schublade ein und lassen sie dann nicht mehr heraus", sagt der ideenrauschler. Die Initiative hat das Stück auf 90 Minuten gekürzt, die moralische Keule gestrichen und dafür Brechts "Die jüdische Frau" eingeflochten." Das Werk entstammt der Stückcollage "Furcht und Elend des dritten Reiches".

Mit großer Resonanz hat die Kulturinitiative in den Sommerferien nicht gerechnet. Darsteller und Regisseur sind Idealisten: "Wir spielen auch vor 15 Leuten", sagt Dittrich, "wir haben die letzten Nächte durch geackert. Das ist keine Floskel." Acht Monate haben die 15 Darsteller an "Andorra" gearbeitet. Vom Finanzplan über die Kostüme bis hin zum Bühnenbild haben sie alles in Eigenregie gestemmt.

Geprobt wurde so manches Mal in der Hülser Pauluskirche. Drei der Darsteller konnten über ein so genanntes Casting gewonnen werden. Das Projekt sei mehr als ein Hobby gewesen, die Darsteller hätten ihre Grenzen erreicht. Jetzt sind sie ausgebrannt und bringen erst in 2005 Dittrichs Stück "Amme" in aufgepeppter Form auf die Bühne. Bis dahin dürfen sie von den stehenden Ovationen ihres Publikums zehren. Mehr als 15 Zuschauer waren es allemal bei der Premiere - nämlich knapp 90.

Heute, 20.30 Uhr, letzte Vorstellung in der Grubenausbauwerkstatt auf AV 1/2, Eintritt 10 €

Marler Zeitung, Samstag, 14. August 2004